Liebe Leserinnen und Leser, manchmal passiert an den Finanzmärkten etwas, bei dem man kurz den Rechner rausholt und nachzählt, ob man sich vertippt hat. Ende März 2026 hat OpenAI die größte Privatfinanzierungsrunde der gesamten Tech-Geschichte abgeschlossen.
122 Milliarden Dollar frisches Kapital, Post-Money-Bewertung: 852 Milliarden Dollar. Das ist kein Schreibfehler. Das ist ungefähr der Börsenwert von SAP, Siemens und Volkswagen zusammengerechnet — für ein Unternehmen, das noch nie einen Cent Gewinn gemacht hat.
Wer zahlt das eigentlich?
Amazon steuert 50 Milliarden Dollar bei, Nvidia und SoftBank jeweils 30 Milliarden. Klingt nach echtem Vertrauen in die Zukunft. Ist es zum Teil auch — aber man sollte genauer hinschauen.
Amazons Beteiligung ist an einen Achtjahresvertrag über 100 Milliarden Dollar AWS-Nutzung gekoppelt. Nvidias Beitrag besteht großteils aus Rechenkapazität statt Cash. An der Wall Street nennt man sowas zirkuläre Finanzierung: Unternehmen investieren ineinander und kaufen gleichzeitig gegenseitig Dienstleistungen ein. Das klingt weniger glamourös als „historische Rekordfinanzierung“ — ist es auch.
Ein erheblicher Teil von Amazons Engagement — 35 Milliarden Dollar — ist zudem daran geknüpft, dass OpenAI entweder an die Börse geht oder den technologischen Meilenstein der künstlichen allgemeinen Intelligenz erreicht. AGI als Zahlungsbedingung. Das ist neu.
Die Zahlen, die beeindrucken
Fairness halber: OpenAI hat echte Nutzerzahlen. ChatGPT kommt inzwischen auf mehr als 900 Millionen wöchentliche aktive Nutzer und über 50 Millionen Abonnenten. Der Umsatz liegt bei zwei Milliarden Dollar pro Monat. Zum Vergleich: Netflix brauchte dafür gut zwei Jahrzehnte.
Im Enterprise-Bereich kommen inzwischen mehr als 40 Prozent des Umsatzes her — das ist die Verschiebung, die Investoren wirklich interessiert. Privatkunden sind schön, aber Unternehmensverträge mit Fortune-500-Konzernen sind planbar. Und planbar ist an der Börse viel wert.
Das Wachstum ist real. OpenAI wächst deutlich schneller als Tech-Konzerne wie Google oder Meta zu ihrer Zeit.
Die Zahlen, die nachdenklich machen
Für das Geschäftsjahr 2026 prognostiziert OpenAI einen Verlust von rund 14 Milliarden Euro bei Gesamtausgaben von 38 Milliarden. Die Bruttomarge liegt bei 33 Prozent — für ein Softwareunternehmen eigentlich zu wenig, aber Rechenzentren fressen Margen wie nichts anderes.
Das KGV? Existiert nicht, weil kein G da ist. Die Bewertung stützt sich ausschließlich auf Zukunftserwartungen — und die sind ambitioniert. OpenAI peilt beim angestrebten Börsengang eine Bewertung von nahezu einer Billion Euro an — das wäre das größte Börsendebüt der Geschichte.
Bubble oder Basis?
Ich bin kein Finanzberater, und das hier ist keine Anlageempfehlung. Aber ich lese die Zahlen trotzdem.
852 Milliarden Dollar für ein verlustmachendes Unternehmen — das ist entweder der Beginn einer neuen wirtschaftlichen Ära oder die teuerste Wette der Börsengeschichte. Vielleicht beides gleichzeitig. OpenAI beschreibt die eigene Strategie als selbstverstärkenden Kreislauf: Mehr Rechenleistung ermögliche leistungsfähigere Modelle, bessere Modelle bessere Produkte, bessere Produkte mehr Umsatz — der dann in neue Infrastruktur reinvestiert werde. Das klingt logisch. Es klingt auch nach jedem Startup-Pitch seit 2010.
Was ich weiß: Wer beim IPO einsteigt, wettet nicht auf die Gegenwart. Der wettet auf eine Zukunft, in der KI-Infrastruktur ähnlich unverzichtbar wird wie das Internet. Und in der OpenAI der Anbieter dieser Infrastruktur ist — und nicht Amazon, Google oder Microsoft.
Das kann klappen. Es kann auch spektakulär schiefgehen.