Morgens halb zehn in deutschen Amtsstuben

Zulassungsstelle an einen Dienstag Morgen im Wartezimmer in meiner Heimatstadt in Deutschland. Solingen ist weltweit bekannt als Stadt der Klingen, vor allem wegen der historischen Messer- und Scherenproduktion.

Insgesamt 13 Menschen sind laut gezogener Wartenummer vor mir. Glück gehabt.Ein Blick in das „arbeitende“ Großraumbüro verheißt Gutes – sieben fleißige Mitarbeiterinnen der öffentlichen Verwaltung sind anwesend. Es ist 9,01 Uhr bei einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von 10 Minuten bin ich also in 20 Minuten wieder raus. Dachte ich! Im Schmelztiegel der Gesellschaft, also in der Wartehalle suche ich mir ein Plätzchen. Eine sorgfältige Wahl sollte getroffen werden wie sich herausstellte. Denn die Wartezeit dauerte wesentlich länger als errechnet. Die ersten zehn Minuten verliefen ereignislos.

Drei Sitze weiter fiel ein polnischer Autohändler in Tiefschlaf und die mittlerweile gezählten 16 weiteren anwesenden Personen lesen in der ausgelegten Broschüren oder beschäftigten sich mit sich selbst. Ich selbst beobachtete die Effizienz einer uniformierten Mitarbeiterin des Ordnungsamtes direkt vor der Türe, die mein im Parkscheinbereich (2 Stunden ) geparktes Fahrzeug freundlicherweise mit einen rasend schnell ausgestellten Strafzettel versah, weil meine Parkscheibe nicht sichtbar war.

Tatbestand 113300 Sie parken bei Zeichen 314, ohne die durch Zusatzzeichen vorgeschriebene Parkscheibe (Bild 291) von außen gut lesbar im oder am Fahrzeug angebracht zu haben.§ 13 Abs. 1,2, §24 StVG; 63.1 Bkat (was immer es heißen mag) – Zeuge Frau W. Stadtdienst Ordnung, Stadt Solingen

Mit dem direkt hinter meinem PKW stehenden Fahrzeugbesitzer hatte diese Dame anscheint Mitleid. Der italienisch-deutsch sprechende Mann stürzte auf Grund meiner Beobachtung zu seinem PKW und gestikulierte der freundlichen Mitarbeiterin mit südländische Impulsivität, sie möge es unterlassen ihm ein Ticket zu verpassen. Er argumentiert mit Leih- oder wahlweise Firmenwagen „hatte keine Parkescheibe.“ Basierend auf ihrem mütterlichen Mitgefühlt, gegebenenfalls auch hervorgerufen durch das vorzeitige Ausscheiden der italienischen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 2010, erklärte die Dame sich bereit, auf ihrem eigenen Papier und mit dem behördlich gestellten Schreibutensil die Parkanfangszeit des armen Menschen zu notieren und ihn diesen Zettel als Parkscheinersatz in seinen PKW legen zu lassen.

Damit vermied der Bewohner unserer Stadt eine Strafe und macht sich automatisch der Verweigerung der Hilfe des arg gebeutelten Solingen Stadtsäckels schuldig. Eine ritterliche Tat die hervorgehoben gehört. Auf die moralische Bewertung der Mitarbeiterin des Ordnungsamtes wird an dieser Stelle verzichtet. Dieser Vorgang wurde im kleinen Kosmos des Wartesaals angeregt diskutiert und die moderne Parkraumwächterin wurde mit verschiedensten zum Teil nicht jugendfreien Ausdrücken belegt.

Eine Dame nahm ein Telefonat auf ihrem Mobiltelefon an. Um 9,20 Uhr nach rund drei Minuten eines für mein Empfinden ruhigen Gesprächs dessen Inhalt ich nicht zu verstehen vermochte, mokierte sich ein Psydorentner, der noch weiter entfernt saß, mit den Worten „er interessiere sich nicht für die „verdaute“ Lebensgeschichte der Dame“. Kaum mit hoch rotem Kopf ausgesprochen, fühlten sich Mitläufer, überrascht von ihrer eigenen Courage, aufgerufen dem Rentner beizupflichten. Die Dame ließ es kalt. Sie verlagerte ihr Gespräch weiterhin hörbar, zum Missmut des Rentners, vor die Türe des Wartesaals.

9,30 Uhr, zwischenzeitlich sind vier Wartenummern bearbeitet, ergibt nach schneller Hochrechnung eine weitere Wartezeit von mindestens einer Stunde. Es erscheinen zwei durchaus attraktive aus nach mitgeführtem Kennzeichen „LM“ zugezogene junge Mädchen. Die Testosteron schwangere Stimmung im Wartesaal kippt. Mit fürsorglicher Hilfsbereitschaft wird den jungen Frauen das Prozedere erklärt und jemand zieht ihnen sogar eine Wartemarke. Die jungen Damen platzieren sich gegenüber dem cholerischen Psydorentner uns beginnen sofort unüberhörbar sich die Tagesereignisse der letzten Tage gegenseitig zu schildern. Die Hitze lässt den Rentner wieder stark erröten, diesmal jedoch weil die Damen der Sommerzeit entsprechend gekleidet sind und der Herr kaum seinen Blick abwenden kann. Keine verbale Entgleisung diesmal.

Es ist 9,45 Uhr, die ersten Wartenden treten aus um ihrer Sucht zu frönen und weitere drei Wartende sind abgearbeitet. Der Pole wird unsanft seinen mitreisenden Nachbarn geweckt, da deren Nummer aufgerufen wurde. Die nächsten zwei Nummern, aufgerufen im drei Minuten Takt, sind gerade nicht anwesend. Der Werkstattmitarbeiter des Autohauses darf als nächster ran. Weitere zwei Aufrufe ohne Erfolg später bin ich dran.

10,07 Uhr bei Eintritt in besagtes Großraumbüro bin ich sehr erstaunt über die vorherrschende Emsigkeit jenseits der Tresen. Wichtigstes Thema der ausschließlich weiblichen Mitarbeiterinnen ist die Schwangerschaft einer der Ihren. Kunden, die für eine technische Eintragung rund 25 EUR Gebühr berappen müssen, werden nebenbei bedient. Natürlich leidet darunter die Arbeitsgeschwindigkeit. Dienst nach Vorschrift in deutschen Amtsstuben ist nicht Kundenorientiert. Der Diebstahl der Zeit der Angestellten im öffentlichen Dienst an ihren Bürgern bleibt ungeahndet.

Allerdings führt diese Dienstauffassung zu tiefen Einblicken in die sozialen Interaktion einer zufällig zusammenkommenden Gruppe von Menschen. Ein ideales Lehrfeld für alle Soziologiestudenten. Ich freue mich über meine Eintragung und meinen persönlichen Beitrag für den öffentlichen Haushalt durch den Strafzettel und ich freue mich über den vielsagenden Einblick in ein Teil unserer Gesellschaft. Letzteres ist unbezahlbar!

Arne

schreibt seit 2009 unregelmäßig an diesem Blog unter anderem über die Themen Fußball (HSV), Technik und Software. Unter anderem auch unterwegs Twitter, Google+, Facebook und XING

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