Münchner Rückerversicherung

Munich Re: 6 Milliarden Gewinn, kaum jemand redet drüber

Liebe Leserinnen und Leser, letzte Woche haben wir über OpenAI gesprochen — 852 Milliarden Dollar Bewertung, kein Gewinn, alle drehen durch. Diese Woche schauen wir uns das genaue Gegenteil an.

Ein Unternehmen aus München. 6,1 Milliarden Euro Nettogewinn in einem einzigen Jahr. Marktkapitalisierung: 70 Milliarden Euro. KGV: rund 11.

Richtig gelesen. Das Unternehmen verdient fast ein Zehntel seines gesamten Börsenwerts in einem einzigen Jahr — und kaum jemand schreibt darüber. Willkommen bei der Münchener Rück.


Was macht die Münchener Rück überhaupt?

Kurze Erklärung für alle, die beim Begriff „Rückversicherer“ instinktiv wegklicken: Stellt euch vor, ihr seid eine normale Versicherung. Eure Kunden zahlen Prämien, ihr zahlt im Schadensfall. Aber was passiert, wenn ein Hurrikan die halbe Karibik trifft und tausend eurer Kunden gleichzeitig Ansprüche stellen? Dann ruft ihr die Münchener Rück an. Die versichert die Versicherer — und übernimmt genau diese Katastrophenrisiken.

Das Unternehmen arbeitet weltweit mit rund 5.000 Versicherern zusammen, verwaltet über die Tochter MEAG 62 Milliarden Euro an Kapitalanlagen und betreibt mit ERGO einen der größten Erstversicherer Europas. Kein Silicon Valley, keine KI-Buzzwords, kein Hype. Einfach ein sehr gut laufendes Geschäft.


Die Zahlen, die niemanden aufgeregt haben

Für das Geschäftsjahr 2025 meldete Munich Re einen Rekord-Nettogewinn von 6,12 Milliarden Euro — und übertraf damit die eigenen Erwartungen zum fünften Mal in Folge. Die Eigenkapitalrendite kletterte auf 18,3 Prozent. Das jährliche Gewinnwachstum je Aktie lag in den letzten Jahren im Schnitt bei 18,8 Prozent.

Das klingt beeindruckend, weil es beeindruckend ist. Zur Einordnung: Umsatz 62,3 Milliarden Euro, ein Plus von 48 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und das trotz eines bewussten Rückgangs der Prämienvolumina. Die Strategie heißt intern „Margin over Volume“ — man lehnt unprofitable Verträge lieber ab, als um jeden Preis Umsatz zu machen. In der Versicherungsbranche ist das so selbstverständlich wie ein Fußballtrainer, der sagt: „Wir spielen lieber gut als viel.“

Für 2026 hat das Unternehmen einen Nettogewinn von 6,3 Milliarden Euro angekündigt.


Das Rätsel: Warum ist die Aktie so günstig?

Marktkapitalisierung rund 70 Milliarden Euro, KGV bei knapp über 11. Zum Vergleich: OpenAI hat kein KGV, weil kein Gewinn vorhanden ist. Nvidia wird mit einem KGV von 38 gehandelt. Selbst Walmart — ein Supermarkt — kommt auf ein KGV von knapp 38.

Warum bekommt ein hochprofitables Unternehmen mit verlässlichem Gewinnwachstum nur das Elffache seiner Jahresgewinne als Börsenwert zugestanden?

Drei Gründe. Erstens: Rückversicherung ist langweilig. Kein Produkt, das man anfassen kann, kein CEO der auf Bühnen auftritt, keine Schlagzeile die viral geht. Zweitens: Katastrophenrisiko. Der Klimawandel treibt die Häufigkeit von Naturkatastrophen langfristig nach oben — das ist ein echter Unsicherheitsfaktor für Munich Re. Drittens: Der Markt belohnt 2026 Wachstum, nicht Substanz. Wer heute kauft, kauft gegen den Trend.


Was die Aktionäre bekommen

Insgesamt fließen 5,3 Milliarden Euro an die Aktionäre zurück — Dividende plus Aktienrückkäufe. Das ist kein Trostpflaster, das ist fast der gesamte Jahresgewinn eines durchschnittlichen DAX-Konzerns — direkt zurück in die Taschen der Aktionäre.

Die Dividende für 2026 soll laut Hauptversammlungsbeschluss 24 Euro pro Aktie betragen — bei einem Kurs um 530 Euro eine Rendite von rund 4,5 Prozent. Dazu kommt das laufende Aktienrückkaufprogramm über 2,25 Milliarden Euro. Das Unternehmen kauft also gleichzeitig seine eigenen Aktien günstiger zurück, als es sie für wert hält. Manchmal ist das ein schlechtes Zeichen. Hier klingt es eher nach Selbstbewusstsein.


Das ist keine Anlageempfehlung

Das muss ich sagen, auch wenn es sich abgedroschen anfühlt. Ich bin kein Finanzberater, und Munich Re hat echte Risiken: Eine schlimme Hurrikansaison kann die Zahlen drücken. Der Klimawandel verändert die Risikolandschaft strukturell. Und eine Aktie, die niemanden aufregt, kann auch niemanden begeistern — was erklärt, warum der Kurs seit Monaten in einer engen Spanne pendelt.

Aber hier ist meine ehrliche Einschätzung: Wenn man zwei Unternehmen nebeneinander stellt — eines mit 852 Milliarden Dollar Bewertung und null Gewinn, eines mit 70 Milliarden Bewertung und 6 Milliarden Gewinn — dann sagt das eigentlich alles über den Zustand der Märkte im Jahr 2026. Der Markt liebt Fantasie und ignoriert Substanz.

Warren Buffett würde Munich Re wahrscheinlich mögen. Er hat übrigens seit Jahrzehnten massiv in Rückversicherung investiert — nur halt in die amerikanische Variante.

Arne

schreibt seit 2009 unregelmäßig an diesem Blog unter anderem über die Themen Fußball (Bayer 04 Leverkusen, HSV), Technik und Software. Unter anderem auch unterwegs Twitter, Google+, Facebook und XING

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